Der Anfang 2020 gegründete Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren soll Schreibenden aus der Schweiz und dem internationalen Bodenseeraum eine Heimat bieten.

Caracol ist spanisch und bedeutet Häuschenschnecke. Caracol nannten die Spanier ein Observatorium in der Maya-Stadt Chichén Itzá (Yucatán/Mexiko), wegen der gewundenen Treppe, die im Innern in die Tiefe führt. Ausblick und Weg nach innen: Für beides ist der Verlag offen.

Zeichnung des Caracol Logos

Das Verlagsprogramm von Caracol umfasst Prosa, eine Lyrik-Reihe und die Reihe WortArt, die offen ist für künstlerisch individuelle Gestaltung. Der Schwerpunkt des Verlagsprogramms liegt auf literarischer Qualität und gesellschaftlich relevanten Themen.

Die ersten Bücher erscheinen im Herbst 2020.

Lesefutter für Zuhause

In den nächsten Wochen sind hier Texte unserer Autorinnen und Autoren sowie von befreundeten Schreibenden zu finden. Wir bringen etwa zweimal pro Woche neue Texte. Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren/Autorinnen.

Das Caracol-Team wünscht Ihnen alles Gute.

Zimmer 15

Mit missbilligender Miene stellt der Barkeeper das nächste Glas vor mich hin. «70 Prozent aller amerikanischen Literaturnobelpreisträger waren Alkoholiker», wende ich ein.
«Nur Barkeeper sterben häufiger an Leberzirrhose als Schriftsteller», entgegnet er. Gleich an meinem ersten Abend im Hotel sind wir ins Gespräch gekommen. Ich habe als Studentin mal hinter einer Bar gearbeitet, er schreibt in seiner Freizeit an einem Roman.
Das Hotel war meine Zuflucht. Es war immer schwieriger geworden mit Heinrich, und als er dann im Streit die handbemalte Tasse mit seinem Hagebuttentee zerschlug, wußte ich, wohin. Ich habe Hotels immer gemocht.
Die Bar ist leer bis auf die zwei alten Damen, die wie jeden Abend ihre Wodkas trinken, ohne dabei Carlo, den Pianisten, aus den Augen zu lassen. Er spielt As Time goes by. In einer schummrigen Ecke hat sich ein ältliches Liebespaar auf einem Ledersofa ineinander verschlungen. Ich versuche, mir eine Geschichte zu ihnen auszudenken.
«Noch einen!» Ich schiebe das leere Glas über die Theke. «Alkohol fördert die Phantasie.»
Der Barkeeper presst eine Zitrone aus; er beachtet mich nicht. Ich habe genug Phantasie, zuviel nach Heinrichs Ansicht, und ich schreibe seit Jahren an derselben Geschichte. Mit gerunzelter Stirn hatte Heinrich den ersten Entwurf gelesen. Er trug sein Haar damals schon etwas länger, aber er rasierte sich noch und zu den zerknitterten Baumwollhemden aus dem Umweltladen trug er enge Jeans. Er mochte die Geschichte nicht.

Der Barkeeper holt den weißen Rum aus dem Regal.
Als ich meine Geschichte Heinrich wieder zum Lesen gab, hatte er sich die ersten Sandalen gekauft. Er trug Socken darin und rutschte bei jedem Schritt. Derek, meine Hauptfigur, trug karierte Jacketts und offene Hemdkragen. Der Barkeeper gibt einen Schuss Angostura-Bitter in den Shaker. Heinrich mochte meine Geschichte noch weniger als beim ersten Mal.
«Noch einen», wiederhole ich und der Barkeeper schiebt mir die Whiskey-Flasche hin. Dem Verfasser des Great Gatsby gab man den Übernamen <Scotch> Fitzgerald. Carlo spielt Strangers in the Night. Während ich meine Geschichte erneut überarbeitete, ließ Heinrich sich einen Bart wachsen. Seit er keine Socken mehr trug, lösten sich seine Fußsohlen beim Gehen mit einem schmatzenden Geräusch von den Sandalen. Derek trug italienische Wildlederschuhe. Während Heinrich mit Freunden aus seiner Meditationsgruppe Flussufer am Stadtrand säuberte, fuhr ich an meinem Schreibtisch mit Derek im Kabriolett über die Keys von Florida. Der Barkeeper mischt Worcestershire Sauce und Tabasco in den Drink. Ich schenke mir nochmals nach.
«Hemingway soll an einem Abend in Havanna sechzehn doppelte Frozen Daiquiris getrunken haben.»
«1,7 Liter Rum, der Saft von 32 Limonen, acht Grapefruits …», rechnet der Barkeeper, während er den Shaker mit Tomatensaft auffüllt. Ich denke an Dereks rotseidenen Morgenmantel. Edgar Allen Poe schrieb die meisten seiner Geschichten im Absinth-Rausch.
Am Tag, an dem ich die bolivianische Strickjacke, die Heinrich mir zu Weihnachten geschenkt hatte, in die Waschmaschine tat, war das Maß voll. Mit einem Knall stellte er nach dem Abendessen seine Tasse auf den Tisch und der Hagebuttentee spritzte in alle Richtungen. Am Nachmittag hatte er mit dem Fahrrad die Geschäfte in den Außenquartieren der Stadt nach frischem Tofu abgesucht. Er hatte geschwiegen, als er bei seiner Rückkehr die auf Kindergröße geschrumpfte Jacke sah; die Wohnung roch nach feuchtem Lama. Ich wischte mir den Hagebuttentee aus dem Gesicht und begann zu packen. An meinen Nachthemden klebten Wollfussel von Heinrichs Unterhosen. Ich wusste, dass er die letzte Version meiner Geschichte nicht zu Ende gelesen hatte.
I will survive… klingt es aus dem Lautsprecher über der Theke. Carlo hat aufgehört zu spielen. Der Barkeeper würzt den Drink mit Salz und Pfeffer, schüttelt ihn kurz und giesst ihn in ein hohes Glas mit Eiswürfeln.
«Für wen ist der?», frage ich.
«Zimmer 15.» Er stellt das Glas auf ein silbernes Tablett. Zimmer 15 ist gleich neben meinem. Dereks glattrasierte Wangen dufteten stets nach Aftershave. Das Liebespaar auf dem Ledersofa hat sich entschlungen und steht an der Bar, um zu zahlen. Die beiden alten Damen sind mit Carlo verschwunden.
«Auf Rechnung», sage ich zum Barkeeper, der in seinem Geldbeutel wühlt, und – ohne zu wissen warum – greife ich nach dem Silbertablett. In der Hotelhalle zögere ich noch einen Moment, doch dann öffnen sich die Lifttüren vor mir. Der rote Drink schaukelt ein wenig, während ich durch den Hotelflur gehe. Vor Zimmer 15 stelle ich das Tablett auf ein Tischchen und ziehe mein Cocktailkleid zurecht.
«Ja bitte», ruft eine Männerstimme aus dem Innern, als ich klopfe. Ich öffne die Türe. Der rotseidene Morgenmantel schimmert im Schein der Nachttischlampe. In der Luft hängt ein Hauch von Aftershave. Ich erkenne den Hinterkopf mit dem kurz geschnittenen Haar sofort. Langsam dreht er sich zu mir.
«Da bist du ja», sagt Heinrich und streicht sich über die glattrasierten Wangen.

© Gabrielle Alioth

ABERNICHTAUFSPATZENTRETEN.

ABERNICHTAUFSPATZENTRETEN.
NICHTDIEWILDENBIENENKILLEN.
NICHTDIEGEGENDPLASTIFIZIEREN.
NICHTDASEISDERBÄRENSCHMELZEN.
NICHTKÜKENSCHREDDERNUNDKINDERENTSELBSTEN.
NICHTLEBENZÄHLENUNDNICHT
DENREISBREIVONDENKLEINENSTEHLEN.
DUHATTESTSIEBENWÜNSCHE.
DASWARENACHT

© Thomas Heckendorn

Aus: Thomas Heckendorn, DANKEUNDAUFWÜRDESEHN
Dieser Lyrikband wird im Herbst 2020 im Caracol Verlag erscheinen, mit Zeichnungen von Isabella Looser.

huflattich

tussilago farfara

1

schauplatz flandern 1. weltkrieg
die dealer in den läden
schieben kleine päckchen über
die theke darauf steht keen tabak
maar ok niet kastanjeboom

kein tobak also aber auch keine
kastanie aber doch zum rauchen
bestimmt der inhalt trockene krümel
um sie in die pfeife zu stopfen
oder in blättchen zu drehen
nicht so ein luxus wie der knappe
tabak aber auch nicht so ein
kratzender knaster wie das
getrocknete kastanienblatt
ein ersatztabak also der einen
guten ruf genoss ein tabakersatz
der auch so hiess wilder tabak
oder einfach tabaksblatt nannten
sie ihn den tussilago farfara
und anscheinend ist er viel
gesünder als das original schon
die griechen und römer priesen
seinen blauen dunst und süssen duft
dioskurides oder plinius empfahlen ihn
bei husten und schwerem atmen
das waren noch zeiten als die ärzte
einem gegen eine belegte lunge
empfahlen sich das rauchen
von unkraut anzugewöhnen

2

der huflattich ist das älteste
gesundheitsfördernde lasterkraut
in unserem kulturkreis der allmählich
immer virtueller und abgehobener
wird ich denke an das tabakproduktegesetz
die nikotingrenzwerte für e-zigaretten
rauchen 4.0 mittels elektronischer
verdampfer und verdufter
einer der grössten webshops
heisst dampforakel wirbt mit dem spruch
mit volldampf voraus
der stoff dazu heisst vampire vapf
den gibts in blutrot und in aktion
erfahrene dampfer sind jeder
herausforderung gewachsen
heisst es dazu hier wird im spinnennetz
der werber dem zielpublikum
mit wörtern eingeheizt damit sie
liquids heizspiralen zubehör shoppen
batterien akkuträger ersatzköpfe
die alte friedenspfeife die hat ausgedient
selbst das rauchen wird jetzt multimedial
digital und e und fördert künstliche
intelligenz eines tages vielleicht

3

vielleicht sollte ich huflattichliquids
produzieren und vertreiben
für die generation der e-raucherinnen
und -raucher mit ihren schicken pods
und werbespots schreiben für tussilago
farfara den guten alten hustenvertreiber
aber ich glaube ich belasse es bei
einer verbalen hommage an diesen
pionier der natur der schön früh
auf braunen feldern den sommer eröffnet
mit seinen goldgelben zungenblüten
sommertürchen nennen sie ihn im westerwald
wächst auf nackten kiesgruben aufgesprengtem
asphalt und bauschutt ist der pioniertrupp
der natur zur rückeroberung verloren
geglaubter gebiete und davon gibt es
weissgott genug er soll sogar auf
purer braunkohle wachsen und wenn
sie ein starker raucher waren so wie
ich oder sind und glück haben
wächst der wilde tabak
vielleicht sogar auf ihrer
lunge und kündet dort einen
neuen inneren sommer an

© Christian Kaiser

Der Text ist hier erstmals publiziert.